Video erstellen - 10 Tipps und Tricks

Seit über sieben Jahren erstelle ich Videos. Nicht von Anfang an gut, aber mit jedem neuen vielleicht ein klein wenig besser. Schaue ich heute meine ersten Videos an, trifft mich oft der Schlag. Mann war das noch schlecht und einfältig. Man lernt halt auch dazu, nicht zuletzt auch, indem man sich Versuche von KollegInnen anschaut, sich immer neu inspirieren lässt und Stück für Stück einem guten Erklärvideo näher kommt.

In Zeiten der Corona-Krise scheint das Erklärvideo an Bedeutung zu gewinnen, es machen sich weitere KollegInnen auf den Weg. Daher möchte ich meine 10 Tipps und Tricks zusammen schreiben, die meine Erfahrungen aus den letzten Jahren bündeln. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen weiter. Was würdet Ihr noch ergänzen?

#1 "Do you need it perfect...?"

... or do you need it by Tuesday?" Ein Satz, der mich seit Jahren verfolgt. Ich brauch meine Videos immer gestern und daher hab ich auch noch kein perfektes. Entweder man ist mit den Videos zufrieden, die schon seit Jahren bei YouTube auf einen Einsatz warten oder man macht sich eben selbst ans Werk. Mit jedem Video wird es besser und man ist sich selbst oft der größte Kritiker. Daher mein erster Tipp: mutig sein und loslegen. Die Technik ist schnell und leicht zu erlernen (siehe Link-Tipps am Ende), es sinnvoll einzusetzen und sich selbst zuhören zu können, ist da deutlich schwieriger.

#2 In der Kürze liegt die Würze

In der Literatur gehen die Meinungen auseinander, was die Länge eines Videos betrifft. Ich kann nur sagen, dass meine YouTube-Statistik für längere Videos oft schlechter ist, als für die kurzen. Die durchschnittliche Wiedergabezeit sinkt, je länger das Video. O-Ton Schüler: "Was soll ich ihr 12 Minuten Video anschauen, wenn es in den Vorschlägen einer in 5 Minuten erklärt?" Man braucht nicht alles in ein Video packen, das überfordert den Betrachter. Ich versuche meine Videos 4-7 Minuten lang zu halten. Damit ich am Ende auch davon ausgehen kann, dass alle etwas angesehen haben. Das Wichtige am Unterricht oder HomeSchooling wird nicht das Video, sondern die Auseinandersetzung mit der Thematik sein. Daher sollte man sich genau überlegen, was hinein muss und was nicht.

Gleichzeitig sollte man auf zu viele Wechsel von Texten und Bildern verzichten. Ich nehme mir als Maßstab immer eine Tafelseite. Das Wichtigste (ohne viel Text, weil man spricht ja dazu) kommt in mein Video und entwickelt sich durch Animationen. So erstelle ich oft nur eine Folie, die dann am Ende ein Bild, einen Hefteintrag ergibt.

#3 Persönlichkeit erlaubt

Auch hier scheiden sich die Geister. Sich selbst einblenden ja oder nein? Ich sage ja, in Zeiten von Algorithmen und Robotern möchte ich meine Persönlichkeit einbringen. Meine SchülerInnen hatten mir dazu geraten. Drei Wochen später hatten sie aber auch gefordert, ich solle wieder aus den Videos verschwinden. Ich blende mich nun dann ein, wenn ich direkt etwas zu den SchülerInnen sage und blende mich aus, wenn ich etwas visualisiere. Beides gleichzeitig geht nicht. Zeigt man etwas z.B. mit einem Screencast, sollte man immer die Maus benutzen und mit dieser zeigen, wo man gerade ist.

#4 Der Ersteller lernt am meisten

In der Hattie-Studie steht "Micro-Teaching" auf Platz 4. Sich selbst beim Unterricht zuzuschauen und das zu analysieren hat einen großen Einfluss auf das Lernen der SchülerInnen. Das kann ich so nur bestätigen. Bei den ersten Videos dachte ich mir oft: so oft versprochen, geräuspert, gehustet, grammatikalisch schlechte Sätze,... Antwort der SchülerInnen: Herr Schmidt, so machen sie das doch immer! Ich hab daraus gelernt und mich versucht, mit jedem Video ein bisschen besser auszudrücken. Hilfreich ist da vielleicht auch ein Storyboard oder ein Skript vorab. Aber Vorsicht: oft wirkt etwas Abgelesenes nicht mehr echt.

Man kann sich das aber auch zu Nutze machen. Wenn der Ersteller am meisten lernt, warum nicht die Kids selbst Videos erstellen lassen? Dabei würden sie nebst Medienkompetenz auch tiefere fachliche Kenntnisse erwerben. Wer es einem anderen gut erklären kann, hat den Sachverhalt vielleicht auch besser verstanden?

#5 Handschrift rockt

Gerade bei einem Screencast greift man oft auf PowerPoint als Vorlage zurück. Das Problem dabei: man visualisiert etwas mit gedruckten Buchstaben und Formen. Bei meinem Lernen steht auch das Visualisieren,  Schreiben und Üben ins Heft im Mittelpunkt. Dann ist es aber kontraproduktiv, wenn der Lehrer Prozesse mit gedruckten Buchstaben anstößt, der Schüler das aber handschriflich macht. Gerade beim Konstruieren oder Zeichnen stellt das vielleicht schon einen Transfer dar. Daher setze ich seit ein paar Jahren so viel Handschrift wie möglich ein und zeichne in meine Präsentationen. So entwickelt sich etwas nachvollziehbar und man ist nicht gleich durch eine Fülle an Texten und Bildern überfordert. Mit der Animation "Wiedergabe" in PowerPoint kann man so wunderbar visualisieren und man bekommt zahlreiche neue Möglichkeiten, Bilder, Figuren oder Gezeichnetes zu entwickeln. Voraussetzung ist dann aber auch ein Convertible oder ein beschreibbarer Bildschirm. 

#6 Der Ton macht die Musik

Versprecher egal, Husten egal, Aufstoßen egal,... aber wehe man verwendet ein schlechtes Mikrofon. Die ersten Monate habe ich mit einem schlechten Headset gearbeitet, Kommentare unter diesen Videos beziehen sich immer wieder auf die Kritik am Ton. Ein gutes Mikrofon ist in meinen Augen der absolut erste Schritt, wenn man sich auf den Weg machen will. Da gibt es bereits ab 30 Euro gute USB-Mikrofone. Aber vielleicht reicht ja auch das integrierte Mikrofon am PC oder Laptop völlig aus?

Neben der Hardware ist aber auch das eigene Sprechverhalten zu reflektieren. Zu Hause im Zimmer nutzt man oft eine ganz andere Stimmlage, als in einem vollbesetzten Klassenzimmer. Dabei sollte man auch vor dem Mikro genauso reden: kräftige, mit dem Bauch gestützte Stimme und lieber etwas zu laut als zu leise. Auch hier empfehle ich einfach ein paar Versuche vorab - gegebenenfalls sollte man vielleicht auch ein paar Stimmübungen vorab machen.

#7 Vorbereitung oder Nachbereitung?

Ein Video verspricht viel: im eigenen Tempo anschauen, Vor- und Zurückspulen, Text, Bild und Ton in einem,... all das überfordert die SchülerInnen aber auch oft. Überhaupt ist es didaktisch manchmal/meistens nicht sinnvoll, etwas vorab zu erklären. Ich setze meine Erklärvideos fast immer nur zur Nachbereitung ein. Quasi als Ergebnissicherung. Prozessbezogene Hilfen können aber natürlich auch vorab eine Möglichkeit darstellen. Ein Methodentraining vorab, eine zusätzliche Darstellung,... Wichtiger als das Video ist die Kommunikation, die Zusammenarbeit und das selbstständige Auseinandersetzen mit einer Thematik. Ein Video allein kann nicht der Inhalt eines Tages sein, nur eine flankierende Maßnahme, die dann allerdings bei den SchülerInnen meist sehr positiv aufgenommen wird.

#8 YouTube nutzen

Es gibt schon soooo viele Videos auf YouTube, vielleicht muss man nicht alles selbst machen? Fast jedes Thema, das im Unterricht behandelt wird, gibt es auf dieser Plattform auch audiovisuell.

Aber weil LehrerInnen ja immer alles selber machen wollen und die persönliche Ansprache in dieser Zeit ja auch wichtig ist, werden immer mehr das Medium Video auf YouTube für die Unterrichtsvorbereitung nutzen. Dann aber wäre es toll, wenn es auf YouTube auch frei verfügbar ist. Nicht jeder ist zum YouTuber geboren. Stellen Sie doch ihr Video auch anderen zur Verfügung. Wenn es Ihren SchülerInnen hilft, dann bestimmt auch anderen.

Oder nutzen Sie YouTube zu Rechercheaufträgen. Die SchülerInnen können doch selbst herausfinden, mit welchem Video sie welches Thema verstehen wollen. So lernt man vielleicht auch, dass man lieber zwei oder drei anschaut, die Kommentare auf Richtigkeit des Videos durchforstet und vor allem lernt man, sich selbstständig auf den Weg zu machen, Dinge zu begreifen und für sich zu verstehen. Eine angeleitete Diskussion oder ein Austausch über das Gefundene führt dann über die wichtige Kommunikation zu einem tieferen Verständnis.

#9 Urheberrecht beachten

Wir dürfen nicht alles in ein Video packen, was wir können. Bilder, die ich zu Unterrichtszwecken aus dem Schulbuch oder dem Internet auf ein Arbeitsblatt bringe, sind meist urheberrechtlich geschützt. Lädt man nun ein solches Video auf YouTube hoch, begeht man Urheberrechtsverletzungen, die bestraft werden könnten. Auch die Verwendung von Aufgaben aus dem Schulbuch sind meistens verboten. Daher sollte man sich genau überlegen, was man in ein Video packt und notfalls eigene Aufgaben kreieren, selbst malen oder einfach Bilder suchen, die zur Wiederverwendung lizenziert worden sind.

#10 Video schauen muss gelernt werden

Man hat ein Video erstellt und denkt sich, jetzt ist alles erledigt. Aber weit gefehlt, die SchülerInnen klicken sich oft durch ein Video durch, anstatt es sich ganz anzuschauen, sie tun sich schwer, aufmerksam zu folgen und manchmal schauen sie auch ganz andere Sachen an, wenn das Schulvideo abläuft. Nur weil man mit einem neuen Medium arbeitet, ist die Motivation für die Schule zu arbeiten noch nicht gestiegen. Nur weil der Lehrer auf YouTube steht, wird noch nicht besser gelernt. Sebastian Stoll gewöhnt die SchülerInnen daher erst daran, ein Video richtig zu kucken. In der Corona-Krise geht das nicht. Daher muss man sich genau überlegen, welche flankierenden Maßnahmen notwendig sind, damit ein Video nicht nur passiv konsumiert wird. In meinen Augen ist das gerade die größte Gefahr: der Lehrer erstellt ein Video und denkt, dass dadurch alle Inhalte erfasst wurden. Daher: Setzen Sie Videos behutsam ein, überfrachten Sie diese nicht, reden Sie langsam und zur Not braucht es halt mehrere Videos, bis es dann tatsächlich bei jemandem Klick macht.

Umsetzungsmöglichkeiten

Handykamera und Stativ - Lehrer Schmidt

Camtasia (Screencast) - Die Ott-Casts

Kamera + Whiteboard - Daniel Jung

Screencast und Greenscreen - ich selbst

Videoscribe - Marcus von Amsberg

Doceri (Screencast) - Wolfgang Dukorn

h5p interaktive Videos - Christian Mayr

Quick Time und Handykamera (Macbook) - Bob Blume

Anleitungen/Beispiele

Screencast, Legetechnik, Stop-Motion - ivi-unterricht

Übersicht Lernvideos - Jens Lindström

Workshop Videos erstellen - meine Tutorials

Erklärvideo erstellen - Erklärhelden

Tutorials zur Videoerstellung - Müller trifft Schmidt

Erklärvideos erstellen - Andreas Kalt

Erklärvideo aus PowerPoint - Nina Toller


Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Marco (Montag, 20 April 2020 16:16)

    Interessant, dass du unter Punkt 10 auch das Schauen eines Videos thematisierst. Das wäre für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen.

  • #2

    Cybertom (Dienstag, 21 April 2020 13:51)

    Zu #2:
    Selbst 4-5 Minuten scheinen lang zu sein. In der Publizistik gilt heutzutage die Maxime: Sie dürfen über alles reden, nur nicht über 90 Sekunden. Moderatoren bekommen eingeläutet:Sei rege und recht fleißig -aber nie über einsdreißig. Diese kurzfrequentige Bespassung sozialisiert die Schüler. Die Aufmerksamkeitsspanne erreicht keine vier Minuten. Daher halte ich Zielwerte unter zwei Minuten für besser.
    Zu #4: Das ist schon das Prinzip der Feynman-Methode. Die Schüler schreiben ganze Sätze, mit denen sie das was gelernt werden soll, jemand anderem erklären. Anders als by Mindmapping, wo nur Stichworte notiert werden, offenbart diese Methode Wissenslücken und schult Prräsentations- und Formulierungstechnik. Selbst erkannte Wissenslücken durch selbst erarbeitete Erkenntnisse zu füllen, ist eine reine Dopamindusche. Noch aufwendiger, aber um so belohnender ist es, das Wissen in einem Video darzustellen.
    Ansonsten: Wunderbare Zusammenfassung. Chapeau & Merci

  • #3

    Erika (Dienstag, 14 Juli 2020 21:32)

    gute Zusammenfassung und Hinweise

  • #4

    Anja (Samstag, 18 Juli 2020 14:50)

    Danke für das Mutmachen und die Vorüberlegungen!

  • #5

    Christine (Freitag, 16 Oktober 2020 11:06)

    Danke für die hilfreichen Tipps.