Videoerstellung - hinter den Kulissen

Vier Jahre Flipped Classroom heißt natürlich auch vier Jahre Videos erstellen. Au Mann, was waren das für Stümperwerke, die ich noch zu Beginn erstellt habe. Im Internet habe ich noch kaum etwas von Screencasts finden können, außer zusammen gestückelt in ein paar Foren. Ich begann also mit Camstudio, einer Uralt-Software, die gar nicht mehr weiter entwickelt wurde und einen Trojaner beim Download bereit hielt. Seitdem hat sich aber Einiges getan. Immer wieder habe ich Neues ausprobiert und auch nicht davor zurück geschreckt, schlechte Videos einfach schlecht zu lassen. Denn das Wichtigste am Flipped Classroom sind sie nicht. "Do you need it perfect or by Thusday?" Nach dieser Prämisse brauchte ich sie immer dienstags.

Vielleicht sagen Sie jetzt, Oh mein Gott, davon lasse ich lieber die Finger... Keine Sorge, ich habe alle meine Fehler aufgeschrieben, damit Ihr sie nicht mehr machen müsst. Erklärvideos zum Erstellen eines Erklärvideos. Es geht total einfach und easy, bei mir zu Beginn nicht. Wer meine Erfahrungen nicht lesen will, ganz unten beschreibe ich, wie ich es heute mache, Abkürzen erlaubt.

Spax in den Wänden, umgedrehtes Flackerbild

Als erstes dachte ich an eine Selfmade-Dokumentenkamera. Fail 1. Denn die Wand dahinter bestand aus Rigipsplatten und um für Stabilität zu sorgen brauchte ich circa 10 cm lange Spax. Die Kaution der Wohnung sollte ich nach diesem Fiasko ein Jahr später nur noch teilweise zurück bekommen. Gleichzeitig nahm ich mit meiner hochwertigen Kamera auf, auf vimeo (meinem ersten Hochladeportal) waren aber nur 20 MB erlaubt. Also musste ich mein Video derart herunter konvertieren, dass man kaum mehr etwas erkennen konnte. Ganz zu schweigen von den Schatten, Lichtverhältnissen und dem Ton. Ein Riesenaufwand für ein miserables Ergebnis. Weiter unten sehen Sie das Ergebnis, ich hab gar nicht so viele negative Kommentare, wie dieses Video eigentlich verdient hätte. Danach filmte ich einfach via Camstudio meinen Bildschirm ab, einen zweiten Bildschirm bekam ich von der Schule dazu, die diesen eigentlich ausmustern wollte. So konnte ich auf dem linken Bildschirm die Software bedienen bzw. weitere Fenster bereithalten, die ich dann später auf den rechten, den Aufnahmebildschirm ziehen konnte (siehe auch Bild weiter unten). Nach drei Monaten war der Bildschirm hinüber, ich kaufte mir einen neuen, 16:9. Oh Schreck, jetzt ging gar nichts mehr, das produzierte Bild war auf dem Kopf und es flackerte. Nach langer Internet-Recherche stand fest, ich brauche einen neuen Codec. Doch bis ich den richtigen hatte, waren zwei weitere Trojaner auf meinem PC. Schöner Mist!

Qualitative Mängel - subjektiv wie objektiv

Mein erstes Video konnte ich nicht anhören, immer wieder Versprecher, Schmatzen, ich drehte ein ums andere Mal neu. Bis mich meine Frau zwang, einfach eines Hochzuladen. Das tat ich dann und hörte es mir nicht mehr noch einmal an. Ängstlich schlich ich in die Schule als meine SchülerInnen dieses Video als Hausaufgabe auf hatten. Aber keiner sagte etwas, kein Gekicher ob der schlechten Vertonung. Ich fragte nach: "Wie findet Ihr das Video? Das ist doch gespickt mit Versprechern, Räuspern,..." Antwort der Schüler: "Das machen Sie doch im Unterricht auch immer so, das sind wir von Ihnen gewohnt." Damit wäre diese Unsicherheit schon einmal erledigt, ein halbes Jahr lang hörte ich meine Videos nach der Erstellung nicht mehr an, sondern vertraute auf das Feedback der SchülerInnen, die in den folgenden Monaten erstaunlicherweise sehr viel konstruktive Kritik zu meinen Videos hervor brachten. Beispielsweise gibt es nichts Schlimmeres als ein Headset-Mikrofon, gut dass ich das erst nach 12 Monaten weggepackt habe, jetzt ploppen circa 100 meiner Videos. Auf Empfehlung von Christian Spannagel habe ich mir dann das Samson Go MIC gekauft. Sofort war das Tonproblem beseitigt, für einen verhältbismäßig günstigen Preis. 

Lehrer im Bild?

Erstaunlich lange ging dann alles gut, kein Flimmern, kein Tonproblem, ich hatte die ersten Fehler übwerwunden,...

Doch mir wurde es langweilig. Darüber hinaus meinten meine SchülerInnen immer wieder, ich solle mich doch selbst einblenden, das wäre authentischer. Also kaufte ich mir eine webcam und nahm mich mit Screencastomatic zum Bildschirm mit auf. Aber das war komisch, die Schüler beschwerten sich, dass sie nicht gleichzeitig zu mir und zu den Entwicklungen im Video schauen können. Nächster Schritt: Camtasia, die Rundum-Sorglos-Software beim Thema Screencast half mir, mich nur dann einzublenden, wenn ich direkt zu den Schülern spreche. Also zu Beginn, was uns heute erwartet und zum Schluss, was haben wir heute gelernt.

Mit der Zeit fand ich nur meine grüne Pflanze im Hintergrund so trostlos, die Idee einen Greenscreen zu verwenden kam auf. Also, Lampen aus dem Keller und vom Schwiegervater geholt und ein grünes Tuch (geht aber auch deutlich billiger) mit Halterungen bei amazon bestellt. Problem: Jede Lampe hat unterschiedliche Farbspektren, wenn man sich damit anstrahlt und eine Farbe später wegnimmt (Greenscreen), erhält man plötzlich eine eigenartige Färbung. Au Mann, der lila Lehrer war geboren und ich hatte erst einmal keinen Bock mehr das zu ändern, wusste ich genau genommen auch nicht wie. Butterbrot-Papier vor den Scheinwerfern half da auch nichts. Erst vor ein paar Monaten bin ich drauf gekommen: Wenn ich vor der Aufnahme ganz nahe an die Kamera heran gehe und dann höchstens 20 cm zurück, dann bin ich normal. Ein paar cm dahinter bin ich lila. Also darf ich mich kaum bewegen. Trotzdem passiert? Kein Problem, ab sofort habe ich einfach meine im Video enthaltenen Textfelder lila gemacht, dann fällt es nicht so auf. :-) Übrigens, wenn man als Erzähler etwas "im Video" (auf der Pärsentation) anschauen möchte, dann muss man spiegelverkehrt denken... 

Mein aktuelles Setting

Heute bin ich einigermaßen fertig mit meinem Setting:

  1. Das USB-Mikrofon in der Mitte vom Tisch, aber nicht direkt darauf, sondern an einem Halter. Sonst nimmt es auch die Berührungen am Tisch mit auf.
  2. Zwei große LED-Baulampen, um den Hintergund, das grüne Tuch gleichmäßig auszuleuchten.
  3. Zwei kleine LED-Baulampen, um mein Gesicht auszuleuchten.
  4. Die Kamera direkt über dem Bildschirm, der aufgenommen wird.
  5. Eine geräuschlose Maus, dass man keine Klicks hört, wenn ich durch die Präsentation gehe.

Ein enormer Aufwand, das gebe ich zu. Aber auf Dauer wollte ich einfach immer wieder mal was Neues ausprobieren, auch wenn es mal nicht so klappt.

Fürs erste Video reicht es völlig aus, ohne eigene Einblendung zu arbeiten. Damit es Ihnen leichter fällt, habe ich Erklärvideos gemacht, wie man Erklärvideos macht. Einfach anfangen, der Inhalt und das umgedrehte Lernen ist viel wichtiger als das perfekte Video.

Wer mit Greenscreen arbeiten möchte, sollte vielleicht gleich ein "professionelleres" Equipment kaufen. Joe Buchner hat mir mal eines vorgeschlagen. Bei der Software sollte man spätestens nach dem 5ten Video was Gscheides (z.B. Camtasia) kaufen. Das erspart einem viel Arbeit und kann so viel mehr.

Für die Zukunft möchte ich noch mehr Handschriftliches in meine Videos einbauen, didaktisch für das Fach Mathematik einfach viel wertvoller. Aber erstmal brauch ich ein Video für dienstags und meine Zeit für eine wertvolle Präsenzzeit.

 

Ergänzung: Dafür, dass ich screencastomatic, camstudio, Camtasia, Samson,... nenne, erhalte ich kein Geld. Ich tue das, weil es die Programme waren, die mir zur Erstellung von Screencasts nach Eigenrecherche über den Bildschirm gehuscht sind. Camtasia Studio nutze ich kostenlos, da dies auf mehreren Veranstaltungen allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt wurde.

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