Praxisbericht Schülerprodukte im Distanzunterricht - kreativ und kooperativ

Schon seit ein paar Jahren versuche ich immer wieder mit kleineren Projekten die Schüler:innen aktiv werden zu lassen. Kurz vor Schließung der Schulen im Dezember wollte ich nun ein größeres Projekt mit meinen Kids in der 8. Klasse durchführen:
Sie erarbeiten sich in Gruppenarbeit selbst ein Thema, überlegen sich, wie sie die Inhalte an Klassenkameraden weitergeben könnnen und erstellen kooperativ ein Produkt in Form eines Erklärvideos (Alternativen möglich). Die Idee geht in die Richtung "Lernen durch Lehren": Die Schüler:innen werden selbst zum Lehrer und müssen Ihre Materialien so aufbereiten, dass Klassenkameraden damit etwas verstehen können. Gleichzeitig wurden schnell die Schulen geschlossen, dass die Gruppenarbeit auf Distanz verlagert werden musste Dadurch erhoffte ich mir auch einen weiteren Kompetenzgewinn hinischtlich virtueller Zusammenarbeit und Kommunikation. Damit es für die Schüler:innen auch eine Relevanz hat, kündigte ich eine mündliche Note auf alle Produkte an - ich will zwar Lernen nicht an Noten fest machen, muss aber auch dies bedienen.
Die Reaktion der Schüler war positiv: "Wir schreiben dann echt einen Test weniger, wenn wir Ihnen zusammen was erstellen?" Die Motivation war da - traurig - aber gelernt wird halt immer noch dann, wenn am Ende eine gute Note rauskommen kann. Wenn die wüssten, dass Sie dadurch (in meinen Augen) mehr lernen, als durch das Auswendigpauken auf einen Test...
Im Folgenden werde ich meine Abfolge und Ideen zusammenfassen und reflektieren. Vorweg: ich hatte mir immer Feedbackschleifen eingebaut, damit ich weiß, was gerade in der Gruppe getan wird. Ich wollte nicht, dass ich am Ende der zwei Wochen (schließlich wurden es drei) erst merke, dass Gruppen nichts getan haben. Davon hat ja keiner was und von der Erfahrung hatte ich davor schon lernen müssen.

Transparenz und Einführung

Ich dokumentierte alle Arbeitsanweisungen auf mebis. Gleichzeitig besprach ich aber die Inhalte auch noch im Unterricht (die Schließung kam erst einen Tag nach Projektbeginn). Es beschwerten sich einige, dass dies zu viel zu lesen war, aber tatsächlich hatte ich alle Anweisungen auch mündlich abgegeben. Auf Distanz hätte ich das wohl in einer Viko transportiert. Ausführlich ging ich auf die Bewertungskriterien ein: jeder sollte in der Gruppe (von mir festgelegt) Kontakt aufnehmen und seinen Teil dazu beitragen. Neben dem Fachlichen war mir aber auch eine kreative Auseinandersetzung, die Sprache und die technische Qualität wichtig. Die Schüler:innen stellten hier zahlreiche Fragen. Das Wichtigste für die Schüler: "So einfach war es in Mathe ja noch nie, eine gute Note zu bekommen." (im ersten Lockdown hatte ich ähnliche Projekte, die durfte ich nur rechtlich nicht bewerten).

Gruppenbildung und Organisation

Das Thema "Gleichungen" zergliederte ich in sechs Bausteine und wies diese den Gruppen zu. Die Gruppen setzte ich so zusammen, dass die meisten gut miteinander konnten und in jeder Gruppe mindestens einer dabei war, der technisch bzw. mathematisch zu den besseren gehörte. Möglichkeiten zur technischen Organisation zeigte ich Ihnen anhand von zumpad, Teams und Word/PowerPoint online in einem Video. Eine Gruppe nutzte Signal, wahrscheinlich manche andere auch whatsapp, facetime... Ich erwähnte zwar mehrfach den datenschutzrechtlichen Aspekt, aber wenn private und schulische Kommunikation aufeinander trifft, gehen viele noch den bequemsten und nicht den sichersten Weg. Nachdem das virtuelle Zusammenarbeiten geklärt war, arbeitete sich jeder in sein Thema ein und versuchte auch mit seinen Gruppenteilnehmern zusammen die Inhalte zu begreifen. Hier gab es auch die erste Feedbackschleife: Schüler:innen mussten mir mitteilen, was sie gelernt haben, wie sie sich organisierten und welche Probleme es dabei gibt/gab. Schon da merkte man ein wenig, dass nicht alle (aber die meisten) sich gleichermaßen in die Gruppen einbrachten, macnhe erfüllten diesen Schritt durch das Schreiben von zwei Zeilen.

Bedienbarkeit und Datenschutz

In der nächsten Etappe ging es um die Auswahl des Produkts: Durch welches Tool soll es gestaltet werden?

Damit alle gleichermaßen informiert sind, habe ich Erklärvideos zu Tools aus dem Internet genommen und auch eigene erstellt. In einer Videokonferenz stellte ich die Vorzüge einzelner Programme noch einmal gegenüber. Leider fokussierten sich die meisten auf PowerPoint. Stop Motion, Adobe Spark,... wurde nicht genutzt. Das liegt wohl daran, dass ich als ihr Lehrer selbst diese Variante wähle und die Kids durch das Unterrichtsfach IT die Basics von PowerPoint beherrschten. In einer 6. Klasse hatte ein ähnliches Projekt deutlich facettenreichere Ergebnisse.

Darüber hinaus wurde mehrfach betont, dass aus Datenschutzgründen kein Name und kein Gesicht in den Videos zu sehen sein soll. Hier musste man allerdings oft nachbessern. In der zweiten Feedbackschleife stellten mir die Kids das weitere Vorgehen vor und ich konnte Tipps und Tricks, bzw. auch bei der Aufteilung der Aufgaben Hinweise geben. Leihgeräte hätten durch die Schule zur Verfügung gestellt werden können, wurden aber nicht in Anspruch genommen. Man konnte mit Smartphone, Tablet oder Laptop arbeiten.  

Produkt erstellen und Prozess reflektieren

Angelegt war das Projekt auf sechs Unterrichtsstunden (in zwei Wochen). Vor Ende der Ferien wäre Abgabe gewesen, allerdings wurde uns da untersagt Noten zu machen, so dass ich die Abgabe auf die Woche nach den Ferien legte. Frewillig durften aber alle schon vorher abgeben (die Ankündigung mit den Nicht-Noten kam einen Tag vor der Abgabe). Ich hätte dann ein erstes Verbalfeedback gegeben, so dass die Gruppen sich entscheiden konnten, ob sie daran noch weiterarbeiten wollten. Das kam mehreren Gruppen zu Gute, waren doch die ersten Versuche oft noch fehlerhaft oder manchmal sogar komplett am Thema vorbei. Für das nächste Mal werde ich mir genau das vormerken. Abgabe nach zwei Wochen, Rückmeldung dazu geben und dann noch einmal um eine Woche verlängern, etwas angelehnt an die "master or die" - Variante des hochgeschätzten Kollegen Björn Nölte. Denn das, was danach noch verbessert und damit auch gelernt wurde ist viel höher anzusetzen, als die bestrafende Note, die ich nach zwei Wochen hätte geben müssen. Das fertige Produkt wurde auf einem padlet allen Klassenkamerad:innen zur Verfügung gestellt, jeder musste aber noch individuell eine Rückmeldung zum Arbeitsprozess geben. Hier hakte ich des Öfteren nach, da diese Rückmledungen zu knapp ausfielen oder vergessen wurden. Dadurch konnte ich mir aber ein gutes Bild machen. Meine Lieblingsreflexion: "Ich habe mich um die technischen Aspekte gekümmert, Ton und Video zusammengeschnitten und noch etwas herumkonvertiert. Wahrscheinlich hatte ich am Wenigsten zu tun, aber das konnte ich halt." Das Ergebnis war der Hammer, denn die anderen hatten Ihre Expertisen woanders eingebracht und so wurde von drei Teilnehmern ein tolles Ergebnis erzielt, weil sie ihre Arbeit auch sinnvoll aufteilen konnten. Auch die beiden anderen meldeten, dass sie eigentlich wenig tun mussten.

Fazit

Ich hatte nicht nur tolle Produkte, sondern auch Noten (das war nicht meine Prio ist aber im Kontext Schule schwer von Lernen zu trennen). Es wurde für das Fach Mathe ein Erkenntnisgewinn erzielt, der im folgenden eigenständigen Erarbeiten der anderen Themen mit den Klassenkameraden geteilt werden konnte und nebenher wurden weitere Kompetenzen gewonnen. Auswirkung: manche blieben im Anschluss in Ihren Gruppen und organiserten sich bei weiteren Hausaufgaben gleichermaßen in Videokonferenzen.
Ich für mich sehe einen enormen Arbeitsaufwand bei der Vorbereitung und viel Unsicherheit in meiner Begleitung während des Prozesses. Die dritte Woche hat da Sicherheit hineingebarcht und die Ergebnisse haben mich stolz gemacht. Die Noten fielen viel besser aus als beim letzten Test. Dennoch bleibt eine kleine Ungewissheit bezüglich gerechter Aufteilung. Ich kann am Ende nicht sehen, ob Mama und Papa mitgeholfen haben oder einer alles machte, die Reflexionen aber dann fair auf alle verteilt wurden. Bei manchen habe ich dann noch angerufen, um mir ein besseres Bild zu machen.
Die Magie des Lernens steckte im Prozess. Das umzusetzen ist aber alles andere als einfach. Daher möchte ich hier nicht nur nach Projekten rufen, sondern diese auch machen. Dafür dürfen Sie meine Herangehensweise nicht als gesetzt sehen und einfach nachmachen, sondern vielleicht muss man ein wenig daran schrauben, dass es zu Ihnen und Ihren Schüler:innen passt. Sich Feedback zu holen ist da ein toller Weg, um das eigene Arbeiten zu reflektieren. Für mich war es arbeitsintensiv aber definitiv gewinnbringend. Nur alleinlassen durfte ich Sie nie. Hätte ich auf Fragen gewartet, wäre wahrscheinlich seltener etwas gekommen. Für mich heißt Projektarbeit und Lernen auch (Ein-)Fordern und Fördern. Manche brauchen die größtmögliche Freiheit und mit manchen spricht man erst ein paar direkte Worte, bevor dann auch wirklich etwas passiert - das Maß zu finden ist eine weitere Schwierigkeit.

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