KI in Schülerhand (beabsichtigt) - ein Praxisbericht

Seit fast einem Jahr nutze ich jetzt ChatGPT privat und vor allem in meinem Job. Ich habe aber etwas gebraucht, bis ich das Potential richtig nutzen konnte. Aktuell entscheidet noch der richtige Prompt über das Ergebnis. Wer noch nie KI ausprobiert hat, so kann man sich anmelden. In vielen Fortbildungen - aktuell z.B. auch über das Format E-Mail - habe ich Lehrkräfte und Schulleiter:innen für die Thematik sensibilisiert. Mich erschreckt es noch immer , wie viele Kolleg:innen noch nie die KI ausprobiert haben. Dabei nimmt das Thema so viel Fahrt auf, dass man sehr schnell den Anschluss verpassen kann - selbst, wenn man schon im Thema ist.

In diesem Blogartikel soll es aber um den Einsatz im Unterricht in Schülerhand gehen. Seit März darf ich einen fobizz.tools-Account nutzen, mittlerweile habe ich ihn mir auch selbst erworben, im nächsten Kalenderjahr sollen alle Lehrkräfte an unserer Schule die Möglichkeit dazu haben. Aktuell teste ich auch SchulKI.de.

Im Fach IT (Mathe/Reli gab es kaum Gelegenheiten) habe ich mit den Kids viel ausprobiert. Einige wichtige learnings haben wir dabei schon hinter uns, auf die ich gleich eingehen möchte. Darüber hinaus möchte ich mit diesem Artikel (auch auf andere Fächer übertragbar) meine Ideen teilen, die im Unterricht zu brauchbaren bis großartigen Ergebnissen geführt haben. 

Erkenntnisse in aufzählender Form

Mit meinen Schüler:innen habe ich nicht nur viel ausprobiert, sondern auch viel reflektiert. Unsere ersten Ideen zum sinnvollen Einsatz (sehr wahrscheinlich von meinen Erfahrungen geprägt)

  •  KI ist dann besonders hilfreich, wenn ich schon etwas weiß. Dann kann ich Halluzinationen oder Themaverfehlungen schneller erkennen.
  • Lesefähigkeit und sinnentnehmendes Lesen wird immer noch wichtiger. Sonst hilft der beste KI-Text auf meinem Niveau nichts.
  • Mit jedem Text sollte eine "Mündlichkeit" verbunden werden, sonst entstehen neue Schulbücher, aber das Lernen bleibt auf der Strecke.
  • Erst Recherche oder Wissen via Buch oder Internet, dann erst KI zum besseren Verständnis
  • Erst selbst schreiben, dann mit KI verbessern oder korrigieren lassen. Je mehr im Chat zu finden ist und je mehr Rückmeldung ich gebe, desto besser werden die Ergebnisse.
  • ich muss lernen, mit welchen Prompts gute Ergebnisse erzielt werden. (Fach, Klassenstufe, Arbeitsauftrag, Ergebnis, "Temperatur" ...) mit dem vorläufigen Ergebnis weiterarbeiten, reflektieren was noch fehlt und weiter chatten.
  • ich muss lernen, wann KI mir hilft und wann es (noch) eine Sackgasse ist.
  • ich darf keine personenbezogenen Daten in die KI eingeben.
  • ...

Sackgassen-Recherche

Am eindrucksvollsten haben meine Kids ChatGPT reflektieren können, nachdem sie Ergebnisse erzielt hatten, die für ihr Lernen mangelhaft waren. Die Schüler:innen haben ohne Beispielprompt mündlich einen Recherche-Auftrag erhalten. Das Thema im Fach IT war das EVA-Prinzip. Sie bekamen 10 Minuten Zeit, die KI dazu zu befragen und sollten anschließend erzählen können, um was es bei dem Thema geht. Es war eine der Erstbegegnungen mit der KI. Die Ergebnisse gingen (abhängig vom Prompt) weit auseinander. Nur fünf Kids bekamen Ergebnisse, die für das Fach und das Thema richtig gewesen wären. Viele erhielten ein EVA-Prinzip aus anderen Fachrichtungen und änderten (unwissend) auch nachträglich ihren Recherche-Auftrag nicht.

Im Plenum gingen wir dann auf die Ergebnisse ein und schauten uns die Prompts bei erfolgreichen Versuchen genauer an. Am Ende der Doppelstunde wussten dann dennoch die meisten, was sich hinter dem EVA-Prinzip verbirgt, aber noch viel mehr wussten alle, wie man eine KI bedienen muss, um brauchbare Ergebnisse erzielen zu können. Da aber auch gute Prompts zu Halluzinationen führen können, ist wohl zusätzlich eine gesicherte Information in der Zusammenarbeit mit der KI hilfreich. ChatGPT macht diese Quelle einfacher verständlich, aber sie gibt einem auch Sicherheit, dass man nicht ganz falsch liegt.

Feedback geben lassen, Texte besser machen

Bei einem anderen Arbeitsauftrag sollte der Text selbst erstellt werden. Die einhellige Meinung der Schüler:innen war: hört sich gut, hat aber wenig Tiefgang und sehr wenig Emotion (außer man hat das ausführlich im Prompt berücksichtigt). Die große Mehrheit der Klasse hätte diesen Text besser selbst geschrieben. Dies haben wir dann im nächsten Schritt gemacht und diese Arbeit dann von ChatGPT reflektieren lassen. Was fehlt meinem Text noch? Gib mir Tipps, wie ich meinen Text besser machen könnte! Schreibe meinen Text richtig/formaler/motivierter/lustiger. Meine Lehrkraft hat folgende Kriterien ausgegeben [...] welche Kriterien habe ich noch nicht erfüllt?

Konkret ging es im Unterricht um das Bewerbungsanschreiben für ein Praktikum. Die Anforderungen an einen solchen Text gibt es zuhauf im Text, dennoch war das Ergebnis oft sehr oberflächlich. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass keine personenbezogenen Daten im Prompt landen durften. Mit dem eigenen ersten Entwurf zu einem solchen Anschreiben konnte die KI aber tolle Verbesserungsvorschläge und Rückmeldungen geben. Einige ließen die Texte direkt umschreiben. Natürlich hatten wir uns vorab darauf geeinigt, welche Platzhalter für personenbezogene Daten verwendet werden sollten. Fazit der Kids: wenn ich eine Idee habe und mir persönlich etwas überlege (eine Vorlage habe, die mich zufrieden stellt), wird die KI eine schriftliche Arbeit deutlich besser machen. Gelernt haben wir, dass KI ein mächtiges Tool für Feedback in jedem Unterricht ist, wenn der Lehrer nicht gleich helfen kann. Und dann ist ChatGPT auch noch besser gelaunt und verständlicher ;-). 

Produktionsorientierung

Das Ziel war es einen Podcast zu erstellen. Mit den Erkenntnissen aus den vielen Stunden mit KI zuvor hatte ich mir folgenden Plan dazu erstellt:

  1. Einlesen in das Thema durch eine von der Lehrkraft zur Verfügung gestellten Info-Seite
  2. Erstellen eines Skripts: das, was man kennen gelernt hat, wird in eigenen Worten in einem Word-Dokument festgehalten. 
  3. Einsatz von ChatGPT: man befragt die KI zu demselben Thema, lässt sich Passagen aus dem Internet leichter (auf das eigene Sprachniveau) schreiben, frägt nach Umschreibungen für Sachverhalte, die nicht klar waren, lässt sich Beispiele geben, die die eigene Lebenswelt betreffen, ... In der Hinsicht waren die Kids sehr kreativ.
  4. Das Skript wird vervollständigt, neu geschrieben, strukturiert und dann wieder an die KI gegeben: z.B.: "Ich soll einen Podcast über [xxx] im Fach [xxx] erstellen. Was kann ich an meinem Text noch besser machen?"
  5. Podcast mit Hilfe des Skripts erstellen.

Mit dem Podcast mussten mir die Schüler auch das Thema mündlich vorstellen, quasi verteidigen. Auf Rückfragen zu den eigenen Inhalten wollte ich so testen, ob Sie gelernt oder nur Texte erstellt hatten. Mit diesen Vorgaben entstanden tatsächlich innerhalb von vier Unterrichtsstunden großartige Ergebnisse. Die mündliche Verteidigung (grobe Struktur) zeigte mir, dass auch ein Lernen stattgefunden hatte. Das eigentlich sehr abstrakte Thema "von Neumann Architektur" wurde durchdrungen und mit schönen Vergleichen begreifbar gemacht. Das wäre im „normalen Setting“ so nicht möglich gewesen. Ich hatte es sogar geschafft, nie inhaltlich zu beraten, sondern immer nur Prozesstipps zu geben (ich musste mich stark zusammenreißen). Es hat zwar lange gedauert, aber dafür hatten die Kids das Thema komplett selbst erschlossen – Zusammenarbeit war außerhalb des Skripts erlaubt. 

"Think" - Pair - Share oder StEx-Gruppen

Mit diesen beiden Methoden setze ich am liebsten KI ein. Ein Recherche-/KI-Auftrag wird gesetzt und im "Think" soll sich anschließend jeder einzeln dem Thema annähern. Nebenbei ein Dokument zur Materialsammlung aufzumachen ist dabei Standard geworden. Die meisten suchen dann zunächst eine passende und vertrauenswürdige Seite im Netz, um diese dann einfacher schreiben zu lassen und passende Fragen bei Unklarheiten im Chat lösen zu lassen. Im Pair werden dann die Ergebnisse verglichen und die Notizen angepasst. So kann man noch einigermaßen aus einer Sackgasse geholt werden, wenn der Prompt einen in die falsche Richtung gespült hat. Im Plenum halten wir dann die Erkenntnisse fest, erstellen ein Tafelbild oder basteln aus einem Skript eines Schülers eine Ergebnissicherung.

Oft sind Themen komplexer, dass eine aufwändige Eigenrecherche zu lange dauern würde. Dann zerlege ich die Themen passend und gebe unterschiedliche Arbeitsaufträge. Anschließend treffen sich erst die Kids mit denselben Aufträgen zum Abgleich und erst dann werden die Ergebnisse arbeitsteilig in der Gruppe zusammengeführt.

 

Das hatte ich z.B. beim Thema Software (Freeware, Shareware, kommerziell, OpenSource,...) gemacht. In einem kollaborativen Word-Dokument wurden die Ergebnisse zusammengetragen. Am Ende der Doppelstunde musste mir jeder alle Ergebnisse grob zusammenfassen können. Das funktionierte leider nicht immer so gut, weil einzelne Schüler:innen Ihrer Verantwortung nicht so gewissenhaft nachkamen, so dass die anderen Gruppenmitglieder unvollständige Ergebnisse hatten. Hier mussten Gruppen noch einmal neu gemischt werden oder die KI wurde erneut befragt.

Fazit

Was als Spielerei begonnen hat, ist zum festen Bestandteil meines IT-Unterrichts geworden. Auch in Mathe setze ich es ein, allerdings noch nicht lange genug, um reflektiert davon berichten zu können. 

Wenn jetzt alle Lehrer derart unterrichten würden, wäre es wahrscheinlich zu viel KI-Einsatz. Auch ich setze es nicht in jeder Stunde ein. Oft lasse ich auch die Kids entscheiden, ob Sie KI zusätzlich verwenden wollen. Es muss auch gelernt werden, wann KI sinnvoll ist und wann nicht. Essenziell ist die Bereitschaft, sinnentnehmend zu lesen. Daran scheitern die meisten Schüler und wollen es lieber "erzählt bekommen". In der Hinischt bin ich auf den Co-Piloten im Unterrichtseinsatz gespannt. Ich entwickle mittlerweile mit der Bing AI (App) meine Projekte und Ideen im Ping-Pong mit der Ki mit Sprache ohne Eingabe. 

Das andere Phänomen ist das Erklärvideo-Syndrom. Nur weil ein guter Text in einfacher Sprache einen Sachverhalt gut erklärt, heißt das noch nicht, dass viel gewusst wird oder gelernt wurde. Es suggeriert einem, alles verstanden zu haben. Daher ist ein reflektierter Einsatz wichtig und die Mündlichkeit nach einer solchen KI-Phase wichtig für das Weitermachen. 

Insgesamt halte ich fest, dass die Themen mit (meist) viel mehr Tiefgang erfasst wurden und KI auch bei den Kids zum Helferlein geworden ist. Dennoch sind manche Prompts noch nicht gut, Ergebnisse unbrauchbar oder wir halten uns viele zu lange mit KI auf, obwohl sie es (noch) nicht kann. 

Klar ist auch: ist eine Kompetenz so wichtig, dass KI sie nicht erledigen sollte, darf man sie nicht als Hausaufgabe geben und KI auch im Unterricht nicht zulassen. Daher wird KI den Unterricht nicht ersetzen, aber man muss sich wahrscheinlich klarer darüber Gedanken machen, wann was erledigt werden soll und mit welchen Hilfsmitteln - das mache ich seit knapp 11 Jahren im Flipped Classroom. Aber dazu muss ich wahrscheinlich noch einmal extra bloggen.

Wer Lust hat, auch seine Kolleg:innen für das Thema zu sensibilisieren, dem empfehle ich mein neues Fortbildungsformat bei Cornelsen und der GfDB (Werbung, weil Bezahlung für den Inhalt). In sechs kurzen E-Mails an sechs Tagen führe ich knapp zu dem Thema hin und erläutere die Relevanz für Schule und Unterricht.